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Rosana

Ergreift das Glas und trinkt den Wein,
ein jeder Mensch soll glücklich sein!
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Darauf, den Besitz zu erben, hatte Leon lange warten müssen.
Das Schloss, das Weingut und das Renommee, alles gehörte jetzt ihm.
Er kannte alle Feinheiten, die mit seiner Aufgabe verbunden waren.
Sein Vater hatte ihn schon als Kind hart arbeiten lassen.
Dafür hatte er ihn verflucht und gehasst.
Alles, was er gelernt hatte, kam ihm jetzt zugute.
Aber die Zeiten waren hart und die Konkurrenz gnadenlos. 
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Rosana war die Chefredakteurin der Zeitschrift La Revue du Vin
Die Zeitschrift war das A und O in der Weinwelt.
Rosana konnte einen in den siebenten Himmel hochhieven.
Rosana konnte einen in die Hölle stürzen.
Rosana war eine Frau in den gefährlichen Jahren.
Rosana war sich ihrer Macht bewusst und ließ sie niemanden je vergessen.
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Leon hatte in den gewölbten Kellern des Schlosses teure und seltene Flaschen Wein.
Er war sehr stolz auf seine Kostbarkeiten.
Er hatte sich geschworen, keinen Tropfen von dem Nektar der Götter zu vergeuden.
Aber er musste investieren, er musste modernisieren.
Um den Besitz zu retten, musste er sich jetzt doch von manchen Heiligtümern trennen.
Er wollte auf keinen Fall, dass ein reicher Schmarotzer diese Kostbarkeiten in die Hände bekam.
Aber leider, leider brauchte er schnell bares Geld.
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Rosana wurde an diesem Abend als Ehrengast eingeladen.
Einige weltberühmte Weinsammler waren selbstverständlich dabei.
Sein schärfster Konkurrent, Jean, wurde ebenfalls eingeladen.
Der Millionär mit seinem Scheckbuch war auch erschienen.
Für ihn hatten ein guter Tropfen und Essig den gleichen Geschmack.
Sein Gläubiger, der auf seinen Bankrott wie ein Geier wartete, war anwesend.
Und dann waren noch die Üblichen da.
Die lieben Verwandten, die sich bei seinen Festen immer den Bauch vollschlugen.
Seine Schwester, die als Haushälterin auf der Burg fungierte.
Seine arme Schwester, die im Testament leer ausgegangen war.
Sein Stiefbruder, der auf Pump lebte, in Erwartung, von ihm zu erben.
Sein Neffe, der ihm die Schuld daran gab, dass seine Mutter nichts geerbt hatte.
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Sie unterhielten sich über Weinreben und die diesjährige Ernte.
Sie plauderten über das Wetter, über zu viel Regen oder zu heiße Sonne.
Sie bewunderten die Burg, die Waffenkammer, die Bibliothek und die Zinnen.
Sie besuchten die Kellergewölbe, die teure und seltene Weine verbargen.
Sie alle lächelten höflich und machten gute Miene zum bösen Spiel.
Jeder versuchte herauszufinden, was die anderen in der Hinterhand hatten.
Jeder machte Rosana den Hof, denn alle kannten ihre Macht.
Sie waren hier, um eine der berühmten Flaschen Wein zu erwerben.
Sie waren alle beisammen in dem Burghof, zum Abendessen
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Wie es schien, bildeten sich die Gästegruppen nach dem Zufälligkeitsprinzip.
Tatsächlich waren sie getrieben vom Gesetz ihres Eigeninteresses.
Die Schwester murmelte:
„Alles ist in Butter, sowie wir uns einig sind.“
... zum Millionär.
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Der Konkurrent flüsterte:
„Seit Jahren produziert er nur mittelmäßige Weine ...“
… in Rosanas Ohr.
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Der Neffe sagte mit gedämpfter Stimme:
„Wir müssen ihn stoppen, wenn er diese Weine verkauft, ist nichts mehr da.“
... zum Halbbruder, der zustimmend mit dem Kopf nickte.
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Der Millionär hörte Leon
„Sei versichert, du hast die Auktion so gut wie gewonnen!“
... zum Gläubiger sagen.
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Der Neffe hörte, wie Leon
„Den Kleinen streich ich ab jetzt von meiner Gehaltsliste!“
... zum Halbbruder sagte.
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Die Schwester hörte, wie Leon
„Ich habe Mitleid mit ihr, aber von mir sieht sie keinen Heller!“
... zu einem Sammler sagte.
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Der Konkurrent hörte, wie Leon
„In der nächsten Ausgabe machst du den Affen endgültig fertig. Ich warte schon lange genug!“
... zu Rosana sagte.
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Der Gläubiger hörte, wie Leon
„Hast du das Etikett auf der Flasche, die dieser Schakal erwerben soll, getauscht?“
... den Neffen fragte.
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Rosana hörte, wie Leon dem Millionär sagte:
„Wir sind uns einig, alles bleibt wie vereinbart!“
Der Millionär nickte kurz.
„Aber der Vorstand kündigt dieser Schlampe, die meint, der Nabel der Welt zu sein!“
Der Millionär nickte wieder.
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Alle schlenderten durch den Park und das Schloss.
Alle lächelten und waren höflich zueinander.
Dann zogen sie sich einer nach dem anderen zurück in ihre Zimmer.
Am nächsten Tag sollte die Auktion stattfinden.
Alle hatten etwas Bedeutsames oder weniger Bedeutsames gesagt.
Alle hatten etwas Bedeutsames oder weniger Bedeutsames gehört.
Alle verabscheuten einander im Grunde.
Alle? Wirklich alle?
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Die Leiche wurde am nächsten Morgen gefunden.
Die Leiche war mit einem Pfeil an der Kellertür genagelt.
Der Pfeil war ein Armbrustpfeil.
Die Armbrust lag gewöhnlich in der Waffenkammer.
Jetzt war sie verschwunden.
Die Polizei fand die Armbrust.
Die Armbrust lag im Wald.
In dem Wald, der das Schloss umgab.
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Wer wusste mit einer Armbrust umzugehen?
Leon, sein Halbbruder und sein Neffe.
Der Kreis der Verdächtigen beschränkte sich auf diese drei.
Drei kleine Verdächtige
Spielten mit dem Armbrustpfeil.
Einer hatte drei Promille.
Blieben dann noch zwei.
Zwei kleine Verdächtige
Spielten mit dem Armbrustpfeil.
Einer hatte ein Alibi.
Und es blieb nur eins.
Und wo war bitte Jean?
Die Polizei fing an, nach ihm zu fahnden.
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Dann kam der Bericht der forensischen Labortechnik.
Er besagte, dass der Pfeil nicht mit der Armbrust abgeschossen worden war.
Er besagte, dass der Pfeil mit einem Hammer eingeschlagen worden war.
Er besagte, dass jeder es hatte tun können, Mann oder Frau.
Jean der Flüchtige oder ein anderer.
Jetzt waren wieder alle verdächtig.
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Wer hatte mit wem gestritten, und warum?
Wer hatte wen bedroht, und warum?
Wer hatte einen Grund zu töten, und warum?
Wer hatte keinen Grund zu töten?
Wer, warum, warum, wer?
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Sie waren alle im Gewölbekeller versammelt.
Hier, wo die teuren und seltenen Flaschen Wein waren.
Hier, wo jemand mit einem Armbrustpfeil getötet hatte.
Hier, wo jemand Rache genommen hatte.
Hier hatte sich das Opfer mit seinem Mörder getroffen.
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X hatte gesehen, wie Jean in den Keller schlich.
X hatte gesehen, wie Rosana in den Keller schlich.
X hatte gehört, wie Rosana stöhnte wie eine läufige Hündin.
X hatte gesehen, wie die beiden sich im Stehen vergnügten.
Jetzt wusste X, was seine Versprechen wert waren.
Jetzt wusste X, er würde sie nie heiraten.
Jetzt wusste X, er hatte sie nur benutzt.
Jetzt wusste X, er würde X nie aus diesem Sumpf befreien.
Jetzt wusste X, sie würde sich rächen.
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Als X in den Keller zurückkehrte, sah X ihn.
Er ließ gerade eine Flasche teuren Wein unter seiner Jacke verschwinden.
X schlug nur einmal zu, aber das mit voller Kraft.
Warum musste diese Schlampe gerade dann zurückkommen?
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Ergreift das Glas und trinkt den Wein,
ein jeder Mensch soll glücklich sein!
Aber Jean konnte nicht mehr singen.
Jean wurde in einem Nebengewölbe des Kellers gefunden.
Sein Kopf war zertrümmert.
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Ergreift das Glas und trinkt den Wein,
ein jeder Mensch soll glücklich sein!
Aber Rosana konnte nicht mehr singen.
Rosana wurde mit einem Armbrustpfeil an der Kellertür festgenagelt.
Die Täuschung war fast perfekt gewesen.
Aber mit einem Hammer umgehen, ja mit einem Hammer!
Leon hatte nicht geahnt, dass X so sehr hassen konnte.

Krimi 3 - Lösung:  Bitte ergänzen und die Lösung an viorel@baetu.de schicken:

Wer War X?